geschlechtsneutral entgendern

Überblick:

Dies ist ein Vorschlag für ein System von geschlechtsneutralem Deutsch, mit dem geschlechtergerechte Sprache ohne umständliches und teils verwirrendes Gendern, sowie ohne Doppelnennungen möglich wird.

Es wird ein neues Genus eingeführt, das Humanum, mit dem Menschen beliebigen Geschlechts und beliebiger (nichtbinärer) Geschlechtsidentität  mit einem einzigen Begriff bezeichnet werden können.

Folgende Neuerungen sind wesentlich:

Der bestimmte Artikel des Humanum ist 'de', der unbestimmte 'ein'.

Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen erhalten im Singular des Humanum die Endung '-e' (de Lehrere). Im Plural des Humanum wird für geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen die derzeitige maskuline Wortform übernommen, die in Bezug auf das Geschlecht unmarkiert ist, also kein geschlechtsspezifisches Suffix aufweist (die Lehrer).

Dafür werden – als Gegenstück zu den femininen Wortformen – neue maskuline
Pluralformen
eingeführt: die Lehreren <–> Lehrerinnen, die Kundenen <–> Kundinnen.

Dadurch wird die unmarkierte Pluralform (die Lehrer) eindeutig geschlechtsneutral, das
generische Maskulinum wird zum 'Neutralen Plural'.

Die Adjektive und  Pronomen erhalten im Nominativ des Humanum großteils die Endung  '-et', wodurch sie eindeutig als geschlechtsneutral gekennzeichnet werden: ein gutet Koche, dieset Lehrere.

Grundsätzliche Überlegung:

Bei der Definition des Humanum (mit den dazugehörenden Artikeln, Adjektiven und Pronomen) wurde darauf geachtet, die Anzahl der neu zu lernenden Wortformen möglichst gering zu halten. Daher werden im gegenständlichen Vorschlag bei den Artikeln und Pronomen auch derzeit schon vorhandene Wortformen (primär aus dem Neutrum) ins Humanum übernommen.

Gebrauch von Personenbezeichnungen:

Schon eine oberflächliche Analyse von Zeitungsartikeln zeigt, dass Personenbezeichnungen überwiegend (70 – 80 %) für gemischtgeschlechtliche Personengruppen, also im Plural, verwendet werden. Entweder in Form des generischem Maskulinum, mittels gegenderter Formen oder durch Doppelnennung.

Beispiel: 'die Bürger' oder 'die Bürger*innen' oder 'die Bürgerinnen und Bürger'

Es ist daher sinnvoll, für diese häufigste Verwendungsart der Personenbezeichnungen die kürzeste, vertraute Wortform (die Bürger) zu verwenden.

In viel geringerem Ausmaß (< 10 %) werden im Plural ausschließlich männliche bzw. ausschließlich weibliche Personen bezeichnet.

Zum Beispiel in der  Sportberichterstattung. Dort sind geschlechtsspezifische Personenbezeichnungen üblich, weil die meisten Sportarten getrennt nach Geschlechtern ausgeübt werden (die Fußballspieleren, die Ski-Rennläuferinnen).

Detaillierter Vorschlag:

  1. Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen erhalten im Singular des Humanum die Endung '-e (de Lesere, de Freunde).

  2. Im Plural übernimmt das Humanum die bestehenden maskulinen = unmarkierten Wortformen der Personenbezeichnungen (die Leser, die Freunde).

  3. Für die Bezeichnung rein männlicher Personengruppen werden im Plural neue Wortformen mit dem neuen maskulinen Suffix '-en'  geschaffen. Es wird entweder an die maskuline Singularform angehängt oder zwischen die maskuline Singularform und die Pluralendung eingefügt (die Leseren, die Freundene).

    Im ND* ist es somit eindeutig, ob eine Personenbezeichnung geschlechterübergreifend (generisch) oder geschlechtsspezifisch gebraucht wird: Die Humanum-Formen sind geschlechterübergreifend, die maskulinen Formen bezeichnen ausschließlich männliche Personen.

  4. Der bestimmte Artikel im Nominativ und Akkusativ Singular lautet 'de'.

  5. Der unbestimmte Artikel im Nominativ und Akkusativ Singular lautet 'ein'.

  6. Der bestimmte Artikel im Plural lautet (wie für die anderen Genus) 'die' (die Fahrer).

  7. Das Personalpronomen der 3. Person Singular lautet im Nominativ 'et', eine Kombination aus 'er', 'es' und dem englischen 'it'. (et ist Radfahrere).

    Nichtbinäre Personen können statt 'et' natürlich auch ihr eigenes Wunschpronomen

    verwenden (z.B. 'they', 'hen', …), das aber dann meist undekliniert ist.

  8. Das Possessivpronomen lautet 'sihr, eine Kombination von 'sein' und 'ihr'. Es wird wie 'ihr' dekliniert.

  9. Die  meisten Pronomen und die Adjektive mit starker Endung werden wie die Neutrum-Formen dekliniert, wobei aber im Nominativ und Akkusativ der letzte Buchstabe 's' durch 't' ersetzt wird. Beispiele: dieses → dieset, neues → neuet

Übersicht über die Formen der Personenbezeichnungen:

Maskulinum

Humanum

Femininum

Plural: Artikel 'die'

Wortform: Neue maskuline Wortformen

(die Freundene)

Plural: Artikel 'die'

Wortform: Wie herkömmliches Maskulinum

(die Freunde)

Plural: Artikel 'die'

Wortform: Unverändert

(die Freundinnen)

Singular: Artikel 'der, ein'

Wortform: Unverändert

(der/ein Freund)

Singular: Artikel 'de, ein'

Wortform: Endung '-e' an das Maskulinum angehängt

(de/ein Freunde)

Singular: Artikel 'die, eine'

Wortform: Unverändert

(die/eine Freundin)

Übersicht über die Formen der Artikel, Adjektive und Pronomen:

 

Maskulinum

Femininum

Neutrum

Humanum

Plural

Artikel

der

die

das

de

die

 

ein

eine

ein

ein

Adjektiv (starke Endung)

neuer

neue

neues

neuet

neue

Personalpronomen

er

sie

es

et

sie

Possessivpronomen

sein

ihr

sein

sihr

ihr

Demonstrativpronomen

dieser, jener

diese, jene

dieses, jenes

dieset, jenet

diese, jene

Relativpronomen

der

die

das

de

die

Interrogativpronomen

welcher

welche

welches

welchet

welche

Die vorgeschlagenen Formen der neuen, geschlechtsneutralen Wörter fügen sich gut in die schon vorhandenen Wortform-Strukturen ein. Sie sind mit geringem Aufwand erlernbar und können nach kurzer Eingewohnung beim Sprechen intuitiv abgerufen werden. Damit steigt die Akzeptanz, die neuen Wortformen in der Sprachpraxis auch anzuwenden.

Aussprache der neuen Endung '-et' sowie des Personalpronomens 'et':

Für eine flüssige Aussprache wird vor dem nachfolgenden Wort keine Pause gemacht, das 't' wird weich und schwach ausgesprochen, so dass man z.B. 'gutet' gerade noch von 'gute' unterscheiden kann:

et ist                                        [eddist]
dieset Schülere            [diesedschülere]
ein neuet Fahrere      [neuedfahrere]
ein gutet Turnere      [gutedturnere]

Deklinationstabellen für das Humanum:

Artikel und Substantive:

1. de Fahrere

ein Fahrere

die Fahrer

2. des Fahreres

eines Fahreres

der Fahrer

3. dem Fahrere

einem Fahrere

den Fahrern

4. de Fahrere

ein Fahrere

die Fahrer


Personenbezeichnungen, die schon bisher auf '-e' enden:

1. de Kundè

ein Kundè

die Kunden

2. des Kundèn

eines Kundèn

der Kunden

3. dem Kundèn

einem Kundèn

den Kunden

4. de Kundè

ein Kundè

die Kunden

Im Singular unterscheidet bei ihnen der Akzent die geschlechtsneutrale Wortform von der maskulinen. Das Wort wird damit (ähnlich wie das italienische più) auf der letzten Silbe betont ausgesprochen, mit kurzem 'e'.


Substantivisch gebrauchte Adjektive
sind im Plural geschlechtsneutral, sie bilden im Plural keine femininen Wortformen und daher auch keine neuen maskulinen Wortformen.

1. de Abgeordnete

ein Abgeordnetet

die Abgeordneten

2. des Abgeordnetèn

eines Abgeordnetèn

der Abgeordneten

3. dem Abgeordnetèn

einem Abgeordnetèn

den Abgeordneten

4. de Abgeordnete

ein Abgeordnetet

die Abgeordneten

Neue maskuline Wortformen im Plural:

Bisher keine Pluralendung:

  1. die Spieleren
  2. der Spieleren
  3. den Spieleren
  4. die Spieleren 


Bisher Plural-Endung auf '-e':

  1. die Freundene
  2. der Freundene
  3. den Freundenen
  4. die Freundene


Bisher Plural-Endung auf '-en':

  1. die Kundenen
  2. der Kundenen
  3. den Kundenen
  4. die Kundenen

Adjektive (starke Endung):

1. neuet

ein neuet Fahrere

(de neue Fahrere)

2. neuen

eines neuen Fahreres

(des neuen Fahreres)

3. neuem

mit neuem Fahrere

(mit dem neuen Fahrere)

4. neuet

ein neuet Fahrere

(de neue Fahrere)

Personalpronomen:

1. etEt heißt Andrea, et ist ein gutet Koche
2. sihrerDe Lehrere ist sihrer sicher
3. emIch schreibe em
4. enAnna liebt en sehr

Possessivpronomen:

(Besitzer nichtbinär)

1. sihrDe Freunde und sihr Fahrrad
2. sihres… des Mieteres und sihres Hundes
3. sihremEt spricht mit sihrem Freund
4. sihrEt sieht sihr neuet Freunde

Demonstrativpronomen:

1. diesetDieset Expertè ist neu
2. diesesDas Haus dieses Expertèn
3. diesemDas Haus gehört diesem Lehrere
4. diesetEr bevorzugt dieset Arzte

analog: jenet, jedet

Relativpronomen:

1. deDe Schülere, de
2. dessenDe Lehrere, dessen Schülere ….
3. demDe Freunde, mit dem Anja immer spielt
4. deEr sieht de Schülere, de

Das Relativpronomen 'de' wird lang und betont ausgesprochen [deh].

Interrrogativpronomen:

1. welchetWelchet Schülere ist an der Reihe?
2. welchesDas Haus welches Lehreres?
3. welchemMit welchem Freunde spielt er meistens?
4. welchetWelchet Schülere siehst du? …

Anwendungsbeispiele für das Humanum:

1. Personenbezeichnungen im Plural:

Da Personenbezeichnungen im Plural überwiegend für gemischtgeschlechtliche Personengruppen verwendet werden, werden die Plualformen des Humanum die häufigste ND*-Anwendung sein.

Beispiel: 'die Politiker' statt 'die Politiker*innen' bzw. 'die Politikerinnen und Politiker'

Wurde bisher das generische Maskulinum verwendet, bleibt die Wortform unverändert.

Für rein männliche Personengruppen wird die neue maskuline Pluralform verwendet:

Beispiel: 'die Fußballspieleren' statt 'die Fußballspieler'

Längerer Beispieltext: Spiel der Fussball-Bundesliga RB Leipzig – Bayern München

Im Stadion haben sich schon ca. 30.000 Zuschauer eingefunden, die Mehrzahl sind Leipziger. Einige Minuten vor Spielbeginn betreten die Spieleren den Rasen. Das Schiedsrichter-Team ist rein weiblich: Schiedsrichterin ist die erfahrene Kirstin Maier, unterstützt von 2 Lininenrichterinnen.

Die Betreueren der Mannschaften haben schon im Betreuerbereich Platz genommen. Im Zuschauerraum haben sich einige Polizisten verteilt, um Übergriffe gewaltbereiter Fans zu verhindern.

Punkt 20 Uhr beginnt das Spiel. Die Leipzigeren haben Anstoß.

Geschlechtsneutral (Humanum): Zuschauer, Leipziger, Schiedsrichter-, Betreuer-, Polizisten, Fans

Männlich: Spieleren, Betreueren, Leipzigeren

Weiblich: Schiedsrichterin, Linienrichterinnen

2. Singular: Generischer Gebrauch des Humanum:

Es wird keine konkrete Person angesprochen.

  • Wo ist de nächste Arzte?
  • Gibt es hier ein Bäckere?
  • Jedet Schülere bekommt einen Laptop.
  • Ein Arbeitgebere muss auch sozial sein.
  • De Österreichere isst gern Schnitzel.
  • Ein Grünet setzt sich für die Umwelt ein .
  • Wir suchen ein neuet Fahrere.
  • Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Deutschèn beträgt xxx Euro

 

3. Singular: Konkrete aber unbekannte Person:

Beispiel: De unbekannte Fahrere, welchet den Unfall verursacht hat, hat Fahrerflucht begangen. Nach em wird gefahndet. Sihr Auto ist beim Unfall offenbar beschädigt worden.

Gegendert: Der*die unbekannte Fahrer*in, welche*r den Unfall verursacht hat, hat Fahrerflucht begangen. Nach ihm*ihr wird gefahndet. Sein*ihr Auto ist beim Unfall offenbar beschädigt worden.

4. Konkrete, nichtbinäre Person(en):

Unsere neuen Mieter heißen Ulli und Andrea. Beide sind nichtbinär. Ulli lebt mit sihrem Freunde Andrea seit vier Jahren zusammen. Et sieht sihr Freunde jeden Tag. Die Haare sihres Freundès Andrea sind bunt gefärbt. Em ist es wichtig, mit sihrer Kleidung sihre weibliche und männliche Seite zu zeigen. Ulli ist von Beruf Programmierere, Andrea Koche.

ND*-Vorstufe

Auch wenn bei der Konzipierung von ND* darauf geachtet wurde, möglichst wenige neue Wortformen einzuführen, so ist doch jede Lösung für ein geschlechtsneutrales Deutsch ein tiefer Eingriff in die vorhandene Grammatik. Es ist daher unmöglich, ein solches System in einem Schritt und für alle Menschen 'verpflichtend' einzuführen.

Durch sein Konzept des Neutralen Plural, der durch neue maskuline Pluralformen für Personenbezeichnungen möglich wird (die Lehreren, siehe Kapitel 'Überblick'), besteht aber mit ND* die Möglichkeit, mit dieser einzigen Änderung des gegenwärtigen Deutsch mehr als 70 % der Vorkommen von Personenbezeichnungen geschlechtsneutral zu machen.

In vollem Umfang (also mit allen neuen Wortformen) wird ND* für nichtbinäre Personen von Interesse sein, die besonders an den geschlechtsneutralen Pronomen, aber auch an den Singularformen für geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen interessiert sind.

Dazu kommen Personen, die professionell Texte verfassen, also insbesondere
Redakteure.

Die Verfasser von Gesetzen und Verordnungen sind mit ND* in der Lage, endlich auch das seit einigen Jahren in Deutschland und Österreich gesetzlich zugelassene dritte Geschlecht (divers) sprachlich abzubilden.